8. Fantasy Filmfest Nights – Es darf gern geschrien werden
Nach der Berlinale ist vor den Fantasy Filmfest Nights. Jedes Jahr im März gibt es für Fantasy-Filmfest-Fans einen Appetizer, bevor der Hauptgang im Sommer serviert wird. Ein Wochenende, zehn Filme.
Den Auftakt bilden München und Stuttgart (13.3./14.3.), gefolgt von Berlin und Hamburg (20.3./21.3.), Nürnberg (26.3./28.3.), Köln (26.3./27.3.) und Frankfurt (27.3./28.3.).
Die zehn Häppchen bilden einen Querschnitt des modernen Genrefilms vom Anime, in dem sich ein Hacker der Identität eines fremden Internet-Avatars bemächtigt und damit die Weltherrschaft an sich reißt, über SciFi-Horror, in dem Vampire die Welt regieren und Menschen als Nahrungsqelle halten bis hin zu biogenetischen Tier-Mensch-Hyprid-Experimenten, Zombies in Vorortplattenbauten und J-Horror in 3D. Die Filme kommen aus Japan, Frankreich, Spanien, Großbritannien und den USA. Ein Blick auf die nationalen Filmschmieden des Genrefilms.
Horror-Realismus, made in Spain . . .
Zunächst sei da der spanische [REC]2 genannt, der in Deutschland nun endlich mal zu sehen ist. Beim FFF 09 war ich enttäuscht, dass das Sequel nicht im Programmheft stand. Im Herbst gab es ein Kuddelmuddel mit dem offiziellen Kinostart (erst angekündigt, dann gestrichen), ein Kuddelmuddel mit dem offiziellen DVD-Start (gleiches Prozedere). Inzwischen hat man schon einiges über den [REC]-Nachfolger gehört, nämlich nichts Gutes. Als ich dann in einem deadline-Interview mit den Regisseuren las, dass sie selbst ein bisschen mit ihrem Sequel haderten und definitiv keine Fortsetzung planten, hatte ich mit [REC] 2 schon abgeschlossen. Jetzt lese man und staune! Laut Fantasy-Filmfest-Mini-Katalog (Pdf) sei nun noch ein Prequel sowie ein weiteres Sequel (Ausbruch der Apokalypse) geplant.
Für Uneingeweihte ein Rückblick auf das Original: Ein spanisches Boulevard-Doku-TV-Team à la Vox (»Schneller als die Polizei erlaubt«) »soapt« eine Feuerwehreinheit bei der täglichen Arbeit. Die quirlig-nervige TV-Moderation Angela und ihr Kamera-Boy müssen nicht lange warten: Die Einheit rückt aus, um eine hilflos schreiende Alte in einem uralten Mietshaus zu beruhigen. Es handelt sich jedoch nicht um eine demenzkranke, irre Señora, sondern um einen Zombie. Bald befinden sich die Akteure in Qarantäne (so auch der Titel des US-Remakes). Das Besondere: [REC] verwendet zwar die seit THE BLAIR WITCH PROJECT häufig zum Standard erkorene Realismus-Ästhetik des Wackel-Camcorders, bindet sie aber an eine Story, die diesen inflationären Stil, den die quotenhungrigen TV-Dokus dankbar aufgegriffen haben, auf einer weiteren Ebene kritisiert: Durch die Penätranz Angelas, jeden Popel digital festhalten zu wollen, fühlt sich der Zuschauer als Voyeurist. Auch sonst zeigt dieser absolut gruselige Genre-Film ein exzellentes Gespür für zeitgenössische Zivilisationskrankheiten: Der tägliche Rassismus krassiert unter den Mietern ebenso wie die hypernervöse Atmosphäre im Post-9/11. Mit den Eingeschlossenen weiß nämlich zunächst auch der Zuschauer nicht genau, worum plötzlich alles abgeriegelt ist und Hubschrauber über dem Wohnhaus kreisen. Es ist schwer, diese gelungene Story noch zu übertreffen. Man darf davon ausgehen, dass [REC]2 nur ein müdes Sequel ist, das tief im Schatten seines erfolgreichen Vorgängers steht.
. . . or in France
Seit längerer Zeit gelten die Franzosen als Geheimtipp in Sachen Horror. Diesen Ruf haben sie einigen interessanten Produktionen zu verdanken, wie Pascal Laugiers MARTYRS, 2008 oder Alexandre Ajas HAUTE TENSION, 2003 oder THE HILLS HAVE EYES, 2006.
Sie gehören neben den Spaniern und den Japanern, zu den Filmnationen, die ihren ganz eigenen cinematographischen Style pflegen und hegen. Und die französischen Filme sprechen ihre eigene Sprache. Während man aber bei den Spaniern vielleicht von einer Ästhetik des unterschwellig Bedrohlichen sprechen kann, die während des Franco-Regimes als Methapher für eine verordnete Sprachlosigkeit entwickelt wurde (Carlos Saura wird häufig als Vorbild genannt oder Victor Erices EL ESPIRITU DE LA COLOMENA, DER GEIST DES BIENENSTOCKS, 1973) und während die Japaner die literarische Tradition der unterdrückten weiblichen Rache aus dem Jenseits immer wieder aufbereiten, haben die Franzosen keine Horror-Tradition in diesem Sinne. Sie sind echte Autorenfilmer, die Horrorelemente für ihren ganz eigenen Stil transformieren, wie LEMMING (Dominik Moll, 2005) und VINYAN (Fabrice Du Welz, 2008). Die Story von LA HORDE von Yannick Dahan erinnert allerdings eher ein bisschen an Romeros DAWN OF THE DEAD. In einem heruntergekommenen Vorort-Plattenbau jagen rachsüchtige Cops Verbrecher. Doch dann toben plötzlich massenhaft Zombies durch die Platte und beide Parteien sitzen auf dem Dach fest. By the Way: Der Zombie-Papa ist mit SURVIVAL OF THE DEAD (Kinostart: 8.4.) ebenfalls vertreten. Ich muss zugeben, dass ich sein DIARY OF THE DEAD nicht gesehen habe. Es soll aber belanglos sein. Angeblich wurde Romero bei SURVIVAL OF THE DEAD von William Wylers Western WEITES LAND beeinflusst.
3-D-Horror-X-Treme aus Japan
3-D hat sich nun spätestens mit AVATAR etabliert, obwohl schon seit längerer Zeit, Versuche im Gange waren, diese Technik, gerade im Horror-Bereich, breiteren Zuschauermassen schmackhaft zu machen. Generell ist dagegen natürlich nichts zu sagen: Irgendwas muss sich die Branche ja einfallen lassen, um die HDV-verwöhnten Potatoes von ihrer Couch wegzulocken. Außerdem galten die Multiplexe, die einzigen, die sich diese teure Technik leisten können, lange Zeit als gebeutelte Verlierer. Cameron ist es gelungen, das Ruder noch mal rumzureißen. Der Mastermind dessen 3-D-Werk THE SHOCK LABYRINTH (Kinostart: 22.4.) auf den FFF-Nights hoffentlich zum Davon-Laufen ist (im positiven Sinne): Takashi Shimizu.
Spontan fällt mir dazu sein JU-ON (2002) und das US-Remake THE GRUDGE (gleicher Regisseur, USA 2004) ein. JU-ON ist ein sehr gelungenes Stück J-Horror, welches an das Masterpiece RINGU (1998) heranreicht. (Korrektur, 16.4.: Ich hab mir JU-ON letzte Woche noch mal angesehen und hatte wohl eine falsche Erinnerung. JU-ON ist storytechnisch ziemlicher Schrott, eine Aneinanderreihung von Schock-Effekten, welche sich irgendwann auch erschöpfen. Es gibt eins, zwei nette innovative Effekte, der Rest ist einfallslos.) Da ich den Begriff »J-Horror« verwende, möchte ich damit betonen, dass ich den Begriffsschöpfern beipflichte, dass es sich beim sogenannten »Japan-Horror« um ein vollkommen eigenes Genre handelt, das von anderen Horrorfilmen, insbesondere den Remakes, abzugrenzen ist: J-Horror erreicht mit minimalen ästhetischen Mitteln, z. B. eine einzige Kameraeinstellung, die nicht in die Gesamtchoreographie passt, ein äußerst unangenehmes Gefühl. Das Remake arbeitet weniger mit einzelnen Disharmonien. Es benötigt einen gesamten Szenenaufbau, arbeitet brachialer, weicht letztendlich immer mehr auf Sound-Effekte aus. Das US-Remake von RINGU, THE RING (2002) füllt die Lücken, die das japanische Original hinterlässt, mit Erklärungen und Motiven. Der J-Horror reicht weit zurück auf die literarische, traditionelle Geistergeschichte, die keinerlei logischer Motive, was das Wirken Toter betrifft, bedarf. Die Story von THE SHOCK LABYRINTH ist – nun ja – traditionell: Eine tote Freundin, die während eines heimlichen Besuchs in einem Gruselkabinett (wahrscheinlich die japanische Variante der Geisterbahn) zu Tode kam lässt wieder von sich hören. Schuldig sind natürlich die jugendlichen Protagonisten, die nach dem Zehn-Kleine-äh-Männlein-Prinzip dezimiert werden. Und natürlich ist so ein Grusellabyrinth besonders geeignet, in 3 D dargestellt zu werden. Hoffentlich ist THE SHOCK LABYRINTH wirklich J-Horror und nicht krachiges 3-D-Kino à la AVATAR.
Das Anime SUMMER WARS lief schon auf der Berlinale. Hier mal ein Perlentaucher-Text.
Starbesetzte us-amerikanische Standardcoproduktionen
DAYBREAKERS wird in Deutschland nur auf DVD vermarktet (ab 16.7.) und ist mit lauter Stars besetzt: Willam Dafoe, Ethan Hawke, Isabel Lucas, Sam Neill – mir ein bisschen zu fett. Story in Schlagworten: Zukunft, Vampirherrschaft, Menschen pflanzen sich zu langsam fort, Vampir-Panik, fieberhafte Suche nach Ersatzstoff, Widerstand unter den Menschen.
Sieht nach actionreichem, uninteressantem US-Standardkino aus
Eine Nummer kleiner (Adrien Brody & Sarah Polley), ambitionierter und vermutlich mit B-Movie-Einschlägen ist SPLICE. Dieser läuft später im Kino (3.6.). Die Story stammt aus der Feder des CUBE-Schöpfers Vincenzo Natali, der auch Regie führte. Jungen Eheleuten, erfolgreiche Biogenetik-Forscher, die Tiere miteinander kreuzen, also Hybride fabrizieren, geht das Geld aus. Um die Schließung ihres Labors zu verhindern, brauchen sie etwas Spektakuläres: eine Mensch-Tier-Kreuzung. Diese sieht zunächst wie ein glipschiges Huhn, später wie ein außerirdisches Baby und schließlich wie Sinhead O Connor aus (na ja, vielleicht nicht ganz so hübsch).
Die »Geburt« eines menschlichen Hühnchens.
British Special
Die Briten sind mit zwei Filmen vertreten. RED RIDING: 1974 basiert auf dem ersten Teil einer Bestseller-Trilogie von David Peace. Die Story ist klassisch. In Yorkshire jagt der karrierehungrige Reporter Scoop (Andrew Garfield) einen Serienkiller, der Schulmädchen abmurkst. Bald wird er aber der Gejagde, da es korrupte Bullen gibt, die nicht wollen, dass Scoop herumschnüffelt. Laut Katalog soll der 70th-Style beeindruckend authentisch sein: Klamotten, Autos, Tapete, Haartrachten. Der Film wurde auf 16mm gedreht und dann auf 35mm aufgeblasen, um einen 70er Jahre-Neo-Noir-Thriller-Eindruck zu erwecken.
Der zweite Film HEARTLESS spielt in der klaustrophobischen und anarchischen Atmosphäre des Londoner East Ends der Gegenwart. Eine maskierte Gang kontrolliert das Viertel – in Wirklichkeit sind es aber keine Homies, sondern böse Höllenwesen. Der Protagonist, gespielt von Jim Sturgess, der für HEARTLESS auch drei Songs performt hat, geht einen Teufels-Pakt ein, damit er besser aussieht – er hat nämlich ein scheußliches Muttermal im Geschicht. Dafür muss er allerdings töten.
Filmlängen:
THE SHOCK LABYRINTH, 89 Min.
SPLICE, 107 Min.
SUMMER WARS, 114 Min.
SURVIVAL OF THE DEAD, 90 Min.
THE COLLECTOR, 88 Min.
DAYBREAKERS, 98 Min.
HEARTLESS, 110 Min.
LA HORDE, 90 Min.
[REC] 2, 85 Min.
RED RINDING: 1974, 102 Min.




