My Own Private Festival (1)

Ein scheinbar unbedeutender Auftakt

Mein Start beginnt mit dem Vorverkauf. Genauer, ab dem Moment, um 9.25 Uhr, in dem ich über das Eis des Potseplatzes schlürfend, den ersten Fuß in die Arcarden setze: vier Tage vor dem eigentlichen Festivalbeginn (Donnerstag zählt nicht) – so früh war ich noch bei keiner Berlinale dran. Mein linkes Auge puckert komisch.

An einem Montagmorgen im Februar hat doch kein Mensch Zeit sich anzustellen, denke ich noch. Dachte ich noch. In den Arcarden baut sich vor mir das altbekannte, geliebte, gehasste, genervte Berlinalebild, das in den kommenden Tagen jeden Festivaltag eröffnen wird, auf: Der Rote Teppich vor den Ticketcountern. Eine Menge Kartengieriger lungern darauf mit ihren Klappstühlen herum, blättern aufgeregt schnatternd in Programmen. Die Schlange dahinter reicht fast bis zu den Ausgängen. Diese Szenerie wird wie üblich von Mediengeiern umkreist, die dieser Zeremonie irgendetwas Neues entringen müssen: eine innovative Einstellung, ein paar aussagekräftige, aktuelle Sätze, vor allem Begeisterung.

Als erstes zücke ich mein Handy und sage meiner 10.30 Uhr-Verabredung, Katja, dass sie doch bitte bummeln möge. Und dann: Warten. 10 Uhr. Ein Schritt vor. Warten. Ein Schritt vor. Warten…

Noch bin ich nicht genervt, weiß aber jetzt schon, dass es in den kommenden Tagen anders sein wird. Ich will jetzt nur eine einzige Karte. Entspannt lausche ich der Frauentruppe hinter mir, die noch damit ringt, das komplizierte Vorverkaufssystem zu erfassen: Was wird heute verkauft? Ich helfe ihnen ein bisschen: Alle (drei) Eröffnungsfilme für Donnerstag, Wettbewerbswiederholungen am Freitag, sämtliche Karten für den Friedrichstadtpalast, sämtliche Karten für den Publikumstag am 21.2. – und offenbar auch schon (das wusste ich selbst nicht) die Berlinale-goes-Kiez-Karten.

Schlangen am ersten Vorverkaufstag. Sehen vielleicht nicht so dramatisch aus, aber es dauert ca. anderthalb Stunden bis man an der Reihe ist. Liegt hauptsächlich daran, dass die Verweildauer an der Kasse lang ist, da sehr viele die Vorverkaufsregeln nicht checken.

Nebenbei beobachte ich die N24-Interviewerin, die mit ihrem Kameratypen ein paar Schritte vor mir steht, und mit ihrer hypermunteren Showmine und dem verzerrten Dauergrinsen, Leute dazu animiert, ein paar begeisterte Sätze in die Kamera zu sprechen. Von hinten stößt ein Typ vor, hält sein Mikrofon dem Opa vor mir in den Mund und nuschelt:»Berliner Rundfunk….« Der Opa ist auf Zack! Schüttelt nur unwirsch den Kopf. Das Mikrofon entschwindet – Richtung nachvorn.

Doch dann ein Aufschrei

Jetzt fehlt nur noch der Kurier! Und wie auf Bestellung dackelt M 18 in diese Szenerie, (ich verstecke mich schnell hinter meiner zivilen Skimütze) der wegen seiner Cleats komisch läuft. Kurz darauf stelzt er zufrieden von dannen. Wahrscheinlich mit einem RBB-Tape, einem gutbezahlten Superrush in Richtung Masurenallee im Sack. Ich: ein Schritt vor. Eine SMS trudelt ein: Gooree, wie immer verspätet, teilt mit, dass er sich auf den Weg in Richtung Arcarden begibt, um erstmal gedruckte Programme zu holen. Plötzlich ein Aufschrei hinter mir…

Entsetzt schaue ich mich um! Er kam von der Frauengruppe. Sie weisen in Richtung Screen, der sich – eine Neuerung von letztem Jahr – über den Countern befindet und alle Filme auflistet, die man an diesem Tag kaufen kann: Grün = reichlich Karten, gelb = kritisch, rot = gnadenlos ausverkauft. Ein erstes rotes Kästchen ist jetzt zu sehen.

PANORAMAPUBLIKUMSPREIS schlägt METROPOLIS E.V.

Ich schaue auf die Uhr und notiere: 23 Minuten nach der ersten Öffnung aller drei zentralen Vorverkaufsstellen ist die PANORAMAPUBLIKUMSPREIS-Vorstellung (21.2., CinemaxX, 17.00 Uhr) der erste Film der 60. Berlinale, der ausverkauft wurde. Und erst eine Minute später, exakt um 10.24 Uhr, ist die restaurierte Metropolis-Vorstellung ausverkauft. Moment – Stop! Eine kurze Vergegenwärtigung!

1927: Einer der bekanntesten Science-Fiction-Filme der Stummfilmzeit wird veröffentlicht. Fritz Langs METROPOLIS. In allen Film-Unis dieses Universums wird METROPOLIS als einer der bedeutendsten Filme der Filmgeschichte gelehrt. 2008: Schock: In Buenes Aires werden 30 Minuten bisher unveröffentlichtes Material dieses Films entdeckt.

Teile von METROPOLIS wurden kürzlich wiederentdeckt. Müssen wir jetzt Filmgeschichte umschreiben? (Foto: Berlinale 2010)

METROPOLIS wurde bisher falsch und unvollständig rezipiert, in sämtlichen wissenschaftlichen Publikationen, Seminaren, Vorlesungen. Auf dieser Berlinale, konkret, am Freitag, den 12.2.2010, wird der richtige Cut im Friedrichstadtpalast (was für ein Frevel) gezeigt, mit Original-Partitur, zeitgleich mit der Aufführung in der Alten Oper (Frankfurt). METROPOLIS EXTENDED VERSION wird zusätzlich auf das Brandenburger Tor projeziert und arte überträgt live. Und der PANORAMA-PUBLIKUMSPREIS, ein zeitgenössischer Film, der überhaupt noch nicht feststeht, schlägt dieses Ereignis um eine Minute im Vorverkauf! Das nenn ich einfach schon einmal Historie. Exakt notiert um 10.24 Uhr.

…ein bekanntes Gesicht taucht auf! Katja. Sie zeigt mir einen Zahnfingerling, den sie soeben erstanden hat. Für ihren kleinen Sohn Moritz – der zahnt nämlich. Ich schlucke. Mein Auge puckert. Fritz Lang!…
Filmhistorie, Panoramapublikumspreis….

Ich steh eigentlich nur für »Im Angesichts des Verbrechens, Teil 2« an, den eh keiner kaufen wird, weil niemand riskiert, einen zweiten Teil zu kaufen, wenn man nicht weiß, ob man auch den ersten bekommt. So blöd kann nur ich sein. Exakt!

Katja und ich frühstücken. Wir reden über Jobs, Hochzeitstermin, ob ich backen will… und wie Sch* Berlin zur Zeit ist. Irgendwann taucht Gooree auf. Komischerweise mit einem riesigen Stapel Programme. Will er die in der Uni auslegen? Ich geh zum Berlinaleverkaufsstand, um zu gucken, ob es schon Verkaufskataloge gibt. Jemand rempelt mich dreist an, weil angeblich mein Schnürsenkel offen ist. Es ist Olof, der wie immer den Schilder-Job bei der Berlinale macht. Er steht mit einer Frau da und beide mimen die entrückten Künstler, die mit Abstand ihr Werk betrachten: die Schriften auf den Berlinale-Schildern. Gooree hat noch eine Verabredung und haut mit seinem Stapel in Richtung Uni ab. Olof und Begleiterin, beide akkrediertiert, wollen von mir das Berlinale-Programm schnell erläutert bekommen…

Berlinale-Metamorphose

Um ca. 13.50 Uhr verlasse ich endlich die Arcarden. Meine Augen schmerzen unglaublich. Besonders links. Vor dem Ausgang drückt sich schon wieder ein Kurier von uns herum, aber ich kann kaum noch gucken. Ich fahre zu irgendeiner Augenärztin in meinem Viertel. Es dauert noch 30 Minuten bis zur Sprechstunde, ich warte auf dem Treppenabsatz und komme als erste Wartende als Letzte in die Sprechstunde. Habe Glück überhaupt gehört zu werden: Zwei Leute haben ihren Termin abgesagt. Die Ärztin findet mich nicht lustig, ist aber sehr nett: »Tragen Sie etwa noch Kontaktlinsen?«, fragt sie als sie sich meine roten Augen ansieht. – »Ja, seit fast zwölf Jahren. Nachts nehme ich sie aber raus.« Befund: Starke Bindehautentzündung. Beide Augen vereitert. Links sehr stark. Eventuelle Schäden der Hornhaut. Kontaktlinsen: vollkommen induskutabel. Und das vier Tage vor der Berlinale!

Ich schlürfe nach Hause. Durch die vereisten Straßen. Mit einer Berlinale-Karte in der Tasche. Bei meinem Fahrrad ist in der letzten Woche die Felge gebrochen und mein Auge tut weh, als bohre dort jemand herum. Fritz Lang hat gegen den Panorama-Publikumspreis verloren. Ich hasse den Winter. Ich wollte nie dieses Metropolis-Spektakel sehen. Ich hätte einfach mal bei -15-Grad eine Fahrradbrille tragen sollen, dann wären jetzt die Augen i. O. Und vielleicht hätte Fritz eine Chance gehabt, wenn er nicht in diesem dämlichen Friedrichstadtpalast gespielt worden wär. In diesem kinountauglichem Saal. So ein Ereignis. Und das bei dem Glatteis.

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