Suicide Room – (Überschrift fällt mir grad nicht ein)

Regie: Jan Komasa
Polen 2010
110 Min

18.2. Cubix 9 14.30h OmE

Der Protagonist Dominik macht es einem absolut nicht leicht, ihn zu mögen. Er steht kurz vor dem Abschluss einer Eliteschule, wird von einem Chauffeur zwischen Haus, Schule und Training hin- und her kutschiert und gibt allen zu verstehen: Ich bin zu cool für diese Welt – das gelangweilte, arrogant-distanzierte Benehmen der Oberschicht mit einem Touch typischer Werther-Koketterie reicher Jugendlicher. Seine Eltern, zwar erfolgreich, aber eher obere Mittelschicht, erwarten von ihm einen Top-Abschluss.

Auf der ausgelassenen und feuchten Abifeier – die Prüfungen sind noch nicht ganz vorbei – werden lautstark Wetten abgeschlossen: Zwei Mädchen sollen sich knutschen. Dann sind zwei Jungs an der Reihe, Dominik und noch ein Typ, mit dem er zusammen trainiert. Die Umstehenden bejubeln das, halten es für YouTube fest – alle, die vier eingeschlossen, amüsieren sich prächtig. Beim Fighten im Karate-Training mit dem gleichen Typen kommt es zu einem ordentlichen Gekabbel, infolgedessen Dominik eine Ejakulation hat. Der Blick seines unläubig grinsenden Trainingspartners verheißt diesmal aber nichts Gutes mehr, die Peinlichkeitsgrenze ist überschritten. In der Tat denunziert ihn dieser dann kurz darauf im Netz, das schon mit reichlich schadenfreudigen Kommentaren, wie «Spermawrestling», bestückt ist, als Dominik sich einloggt. In seinem Zimmer, wo es niemand mitkriegt, flippt er total aus und weiß nicht mehr weiter. Für seine Eltern, die ihn weiter zu Empfängen mitschleppen, sieht es so aus, als ob sein provokantes Benehmen, eine Mischung aus lustvoll präsentierter pubertärer Selbstzerfleischung und Mal-sehen-wie-weit-ich-gehen-darf, nun entgültig den Zenit erreicht hat. Inzwischen ist es aber kein kokettes Spiel mehr. Durch Zufall hat Dominik einen dieser Selbstmordchatrooms entdeckt.

Der Stoff verfügt über sämtliche Fallen, die es braucht, um ein Klischee an das nächste zu reihen: die Selbstmord-Chats, reiche und gestreßte Eltern, die keine Zeit für ihren Sprößling haben, Zensuren-Druck von allen Seiten und Mobbing in der Schule. Regisseur Jan Komasa schafft es, sie alle zu umschiffen und keine eindeutigen Ursachen zu benennen oder gar vernichtende Urteile zu fällen. So zeigt er auf der einen Seite zwar, dass man sich im Chat auch gegenseitig aufheizen kann (auch das Gegenteil kann der Fall sein), dass aber anderseits die sozialen Strukturen schon vorher so brach liegen, dass das Web zur einzig verfügbaren Kommunikationsquelle in einer scheinbar auswegslosen Lage wird. Auch der Alltagsstress der Eltern ist nicht verantwortlich für die später immer krasser werdende Situation – vielmehr die fehlenden Kommunikationsstrukturen über einen viel längeren Zeitraum. Selbst wenn diese funktioniert hätten, wäre es fraglich gewesen, ob der Vertrauensbonus so groß gewesen wäre, dass Dominik ihnen die peinliche «Spermawrestling»-Geschichte erzählt hätte.

Das einzige Manko dieses Films ist die Visualisierung des Suicide-Chatrooms selbst. Er sieht wie ein billig produzierter Manga aus, der eine kitschige Selbstmordromantik und Todessehnsucht zur Schau stellt. In gewisser Weise widerspricht sich SUICIDE ROOM damit selbst, eindeutige Ursachen benennen zu wollen. Auch das Handy-Video in der allerletzten Szene (dessen Inhalt an dieser Stelle nicht genannt werden soll) verzichtet dann, gerade im Kontrast zu den Manga-Szenen, doch nicht ganz auf einen Schuss Didaktik.

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