Berlinale 2010: Tipps


Hier meine Tipps aus sechs Jahren Berlinale-Erfahrung!

Ticketkauf und die Sektionen

Wettbewerbsfilme: Eine Vielzahl von Wettbewerbsfilmen hat schon jetzt einen regulären Kinostarttermin in den nächsten Wochen (DER GHOSTWRITER, SHUTTER ISLAND, DER RÄUBER, GREENBERG). Man sollte sich überlegen, ob man sich wirklich stundenlang für einen Wettbewerbsfilm anstellen will, der kurz darauf im Kino startet. In der Regel sind alle Wettbewerbsfilme mit Stars und aus den gängigen Ländern (USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich) schon unter Vertrag und kommen selbst in Deutschland in kürzester Zeit in die Kinos. Das Ticketkontingent für den Normalo-Zuschauer für die Premieren im Berlinalepalast (11 € je Ticket) ist ohnehin äußerst begrenzt – und die Gefahr, dass man umsonst ansteht, groß. Man bekommt nur die schlechten Plätze in den obersten Rängen – unten sitzen die Promis – man schaut also von oben auf die Leinwand. Die grundsätzliche Frage, die sich stellt, ist: Will man Kino oder Starrummel?

Star: »Empfängt mich hier mal jemand, tschilp?«

Will man Starrummel, so genügt der Rote Teppich. Dazu braucht man kein Ticket, sondern nur die Starttermine der Wettbewerbsfilme im Berlinale Palast.

Wettbewerbsfilme aus Osteuropa, Lateinamerika, Asien (mit Ausnahme von Bollywood-Filmen) und Afrika, kommen eher später oder überhaupt nicht ins Kino. So hat es beispielsweise unglaubliche anderthalb Jahre gedauert bis der brasilianische Wettbewerbsgewinner 2008, TROPA DE ELITE, in der Heimat der erfolgreichste Film aller Zeiten, in die deutschen Kinos kam. Wenn man sich also einen Wettbewerbsfilm ansehen will, dann eine Wiederholung.

Die Wettbewerbswiederholungskinos: International, Friedrichstadtpalast, Urania. Achtung! Tickets kann man schon vier Tage (!) im Voraus kaufen; für alle anderen Tickets gilt: drei Tage im Voraus.

Das Kino International ist eines der Top-Kinos der Stadt. Es ist eben ein Kino und kein umfunktionierter Saal wie die Urania oder der Friedrichstadtpalast. In der Urania ist der Ton grottenschlecht und im Friedrichstadtpalast fühlt man sich wie eine Sardine in der Dose.

Das Kino International in der Karl-Marx-Allee.

Das Kino International ist ähnlich wie der Zoo Palast oder der Royal Palast in den 50er/60er Jahren speziell als Kinoarchitektur erbaut worden, dementsprechend ist auch die Qualität: Sehr gute Akustik, vernünftige Kinositze und eine Leinwand, die für den 70mm-Film geeignet ist. Die zweite Wahl wäre dann die Urania. In den Friedrichstadtpalast setze ich persönlich nie wieder einen Fuß.

Panorama: Sind die Cents knapp: Die Vorstellungen im Zoo Palast sind 1 € teurer (8 €) als in den anderen Panorama-Kinos (7 €). Im Panorama läuft traditionell viel Queer-Cinema, Biopics über Rockikonen, Bandfilme und politische Dokus.

Wer viele alternative, experimentelle Filme sehen möchte, ist beim Forum genau an der richtigen Adresse. Diese Sektion entstand vor 40 Jahren mal als Gegenbewegung zur Berlinale. Heute ist sie integriert, aber trotzdem läuft es hier noch vollkommen anders ab als im Wettbewerb und im Panorama. Akkreditierte sind hier zweitrangig (diese haben im Vorfeld die Möglichkeit, Filme in den Pressevorführungen zu sehen). Vorrang hat das kartenkaufende Publikum.

Das Programm des Forums ist auch nicht im offiziellen Berlinale-Katalog enthalten – es hat einen eigenen Katalog. Dieser unterscheidet sich konzeptionell darin, dass er sich nicht nur auf eine kurze Plotbeschreibung mit Credits beschränkt, sondern durch Interviews und Recherche eine wirkliche Tiefe erreicht. Der Forumskatalog (10 €) ist für mich ein echtes Highlight der Berlinale, die andere Sektionen teilweise nicht mal mit ihren Q&As erreichen.

Das Forum: Gehört zur Berlinale, tickt aber anders.

Traditionell laufen hier viele Filme aus Japan, Korea, Hongkong und China – und zwar nicht nur die Klassiker und die Regisseure, die immer wieder zum Forum eingeladen werden – sondern auch ganz moderne Filme mit absoluten Newcomern. Wer den modernen Asienfilm liebt, dem offenbart sich hier eine noch vollkommen unentdeckte Schatztruhe. Weiterhin gibt es im Forum politische Filme aus den sogenannten »Zweit-« und »Drittweltstaaten« (Dokus, Spielfilme, Doku-Spielfilme…), die sich m. E. von den Dokus anderer Sektionen darin unterscheiden, dass sie sich trauen, provokante und heutzutage verpönte subjektive Sichtweisen zu zeigen. Man kann über das heutige Forum sagen was will, dem Autorenfilm der 60iger fühlt sich diese Sektion auch heute noch verpflichtet.

Wer viele Forumsfilme sehen möchte, sollte ein halbjähriges Mitglied des Arsenal-Kinos werden. Die Mitgliedschaft kostet 12€/6 €. Dazu kauft man eine Sammelkarte für acht Filme (24 €). Beides kann man nur im Filmhaus, wo sich das Arsenal befindet, erwerben. Das Sammelkartenschnipsel löst man dann an den gängigen Vorverkaufsstellen gegen ein Forums-Ticket ein. Ticketpreis: 4,50 € statt 7 €.

Ein echter Geheimtipp sind die Generation-14plus-Filme: Filme, die irgendwo zwischen Teenager- und »Erwachsenenfilm« stehen, und die später – wenn sie einen Verleih finden – eher als »Erwachsenenfilm« vermarktet werden, wie z. B. THE FALL (TRAILER) oder BEN X (TRAILER).

Die Generation-14-plus-Filme kommen sehr modern daher – Fantasywelten und die neue Medien spielen häufig eine Rolle. Sie sind eine echte Alternative zu den Forumsfilmen, den queeren Panorama-Filmen und dem Mainstream verpflichteten Wettbewerbsfilmen. Und das Beste: Genau wie die Kinderfilme, Generation kplus, kosten die Tickets nur 3 €. Ich bin gespannt wie sich diese Sektion zukünftig so entwickelt.

Schlussendlich gibt es da noch die grenzgängerische Sektion, die den Film nicht mehr als Plotkonstrukt betrachtet, sondern andere Momente in den Vordergrund stellt. Das Forum Expanded zeigt den Film als Medium, das vollkommen neue Wege geht. Der Film befreit sich hier sozusagen von der Fessel der Story. Leider habe ich noch nie einen Expanded-Film gesehen, obwohl ichs mir jedesmal vornehme. Vielleicht klappts diesmal!

Feuer frei!

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