Der Räuber (Wettbewerb), Im Schatten (Forum) – Gangster auf der Berlinale

Regie: Benjamin Heisenberg
Österreich, Deutschland 2009
96 Min.
Läuft nicht mehr auf der Berlinale.
Deutscher Kinostart: 4.3.2010

»Niemand hätte dem unauffälligen und nur in seiner Eigenschaft als guter Sportler bekannten Rettenberger jene ungeheure Serie an Straftaten zugetraut.« (Zeitungszitat, in: Der Räuber, Martin Prinz)

»Die Figur ist in meinen Augen sehr konsistent und eigentlich nicht schwer zu fassen.« (Benjamin Heisenberg, cargo 4/2009)

Ende der 80er beging der in der österreichischen Presse als »Pumpgun-Ronnie« titulierte Marathonläufer Johann Kastenberger (Wiki-Link) – er trug eine Reagan-Maske – eine Serie von Banküberfällen und einige Morde. Und wie üblich wunderte man sich öffentlich, wie das »Gute« zum »Bösen« passt. Und wie üblich war dieser scheinbare Widerspruch genau der Knackpunkt, an dem sich die Medien und andere Gemüter erhitzten. Kastenberger lieferte mit seiner spektakulären Art und Weise, wie er die Überfälle beging, allerdings auch genügend Futter für die Presse.

Martin Prinz, selbst Läufer, veröffentliche 2002 einen Roman, der auf der realen Figur des Johann Kastenberger basiert. Prinz’ Roman ist eine subtile und interessante Herangehensweise an den Mörder und Bankräuber Kastenberger (im Roman: Rettenberger).

Anders als in Heisenbergs Filmadaption erzählt Prinz nicht chronologisch. Der Roman beginnt mit den letzten vier Tagen: Rettenbergers Flucht aus dem Gefängnis und dem abschließenden Selbstmord. Dieser Erzählstrang wird durch Rückblenden und Zeitungsnotizen durchbrochen. Die Einfühlung in die Figur ist äußerst zurückhaltend, auf den ersten Blick nüchtern und an Fakten orientiert. Da aber Kastenberger ein Marathonläufer war, ebenso wie Prinz, versucht der Autor über diese Ebene des Gemeinsamen eine Annäherung.

»Er braucht einen Weg, muß ihn fest unter seinem Tritt spüren, ihn im schwachen Mondlicht glänzen sehen, um in der Finsternis nicht zu verzweifeln. Und der Räuber läuft schneller, ihm ist, als müsse er fliegen. Jede Steigerung der Trittfrequenz im steileren Gelände erzeugt den Eindruck eines Abhebens, eines kurzen Schwebens.«

Rückblende: »Und mehr noch als die Befriedigung über die zurückgelegten Meter war es vermutlich die Müdigkeit, die ihn das Übrige wieder ertragen ließ. Darin konnte er zurück in den Alltag, in das Einkaufen, das Kochen, das Warten auf die Freundin und die Nähe des gemeinsamen Abende.«

Prinz ist weit davon entfernt, zu psychologisieren, Erklärungen dafür liefern zu wollen, wie Räuber und Läufer zusammenpassen. Das ist auch unnötig: Dass diese beiden Obsessionen – das Räubern ist für Rettenberger auch eine – miteinander harmonieren, dass sie keinen Widerspruch bilden, wie es die Medien suggerierten, ist eigentlich offensichtlich.

Der Roman von Martin Prinz ist zu großen Teilen ein Läuferbuch, hypnotisch, konzentriert, der über das Körperliche den Gemütszustand Rettenbergers ergründet, und manchmal auch – aber sehr vorsichtig – etwas darüber hinausgeht geht. Offensichtlich lag hier genau der Reiz für Benjamin Heisenberg, denn das konnte er nicht 1:1 umsetzen. Er musste über viele Szenen genau wie Prinz äußerlich bleiben, beschreiben und andere Mittel als der Roman finden, um subtile Andeutungen zur Figur Rettenberger zu gewinnen. Eine interessante Herausforderung.

Zunächst änderte er die Struktur. Er chronologisierte die Story weitestgehend. Lange Laufbeschreibungen waren für ihn nicht brauchbar. Das obsessive Laufen/Räubern als Flucht vor dem Alltag löst Heisenberg zum einen szenisch auf, zum anderen musste Andreas Lust als Johann Rettenberger dieses Getriebensein verkörpern. Lust spielt den Rettenberger als vollkommen undurchdringlichen Menschen, der fast schon autistisch ist. Seine Gesichtszüge sind star, maskenhaft. Nur in sehr wenigen Momenten, mit seiner Freundin, kann er diesen Graben kurzzeitig überwinden und aus sich herausgehen.

Es gibt keine Szene in der Rettenberger lächelt – außer einer einzigen: da sieht er sich einen Gangsterfilm im Kino an :-) . Nicht mal als er seine Läufe gewinnt, scheint er zufrieden. Den Sport betreibt er exakt so wie er auch Banken überfällt: risikoreich. Als sei es ihm vollkommen egal, ob er aus Erschöpfung stirbt und ob er geschnappt wird.

Johann Rettenberger (Andreas Lust): der Undurchdringliche, Foto (Berlinale 2010)

Der Weg ist für ihn das Ziel, die Obsession, das Laufen an sich, das Räubern an sich. Es ist der Moment der Befreiung – Heisenberg verwendet hier Opernklänge, während Rettenberger durch zauberhafte Landschaften über Pässe läuft. Die Verknüpfung zu den Banküberfällen muss der Rezipient – wie bei Prinz’ Roman – selbst herstellen, selbstständig herstellen wollen. Der Regisseur deutet, wie der Autor, nur an.

DER RÄUBER ist geprägt durch ruhige, statische Einstellungen. Heisenberg dramatisiert wenig, hauptsächlich, wenn er die Flucht, das Gejagtwerden, Rettenbergers skizziert. Als er – kurzentschlossen – nach einem geglückten Überfall gleich noch eine zweite Bank ausräubert, ist ihm die Polizei dicht auf den Fersen. Sein Run in den Wald ist von Trommelschlägen begleitet.

Die letzte Szene ist die bewegenste: Anders als im Roman erschießt sich Rettenberger nicht. Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd bei der er durch Raffinesse und Glück entkommen konnte, fährt er schwer verletzt in einem erbeuteten Auto auf der Autobahn. Er weiß, dass er gleich verbluten wird und nicht mehr lange fahren kann. Er fährt langsam blinkend auf den Standstreifen – genauso wie er nach einem Marathonlauf total erschöpft in die Ziellinie einläuft – mit allerletzter Kraft – und wählt die Nummer seiner Freundin, weil er nicht einsam sterben möchte.

Im Schatten
Regie: Thomas Arslan
Deutschland 2010
85 Min.

Trojan (Misel Maticevic), der Profi (Foto: Berlinale 2010)

Es bietet sich an, an dieser Stelle einen Film zu besprechen, der ebenfalls eine Räubergeschichte beschreibt. Anders als DER RÄUBER ist IM SCHATTEN noch viel mehr Genrefilm. Beide sind dahingehend vergleichbar, dass sie beide nur minimal mit dramatisierenden Mitteln arbeiten.

Thomas Arslan gehört zur so genannten Berliner Schule, die genau dies tut: Entdramatisierung, statische Takes, ein Minimum an Off-Musik (wenn überhaupt), kostengünstiges Arbeiten – kurz: Produktion minimalistischer Filme mit äußerster Nüchternheit. Ich bin ein großer Freund von Minimalismus, aber mit Filmen der Berliner Schule konnte ich nie etwas anfangen. Sie haben nichts zu erzählen und sie sind nervtötend langweilig. Allein eine ästhetische Doktrin zum Maßstab zu erklären, vollkommen egal welcher Thematik ich mich annähere – halte ich einfach für zu formalistisch.

An IM SCHATTEN interessierte mich die Verbindung zwischen Genrethematik und Berliner-Schule-Ästhetik.

Arslan erzählt die Geschichte um Trojan, der aus dem Gefängnis entlassen wird und sich wieder neue kriminelle Jobs sucht. Er sucht alte Verbindungen auf. Einige angeleierte Jobs lässt er platzen, da sie ihm zu risikoreich sind. Dann trifft er sich mit einer Pflichtverteidigerin (Karoline Eichhorn), die durch Zufall einen Geldtransporteur kennengelernt hat, der einen Transporter überfallen will. Über ihn kommt Arslan an Informationen und zieht den Überfall schließlich mit einem Typen durch, den er für professionell hält und der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hatte. Inzwischen sind ihm aber schon ein korrupter Bulle und andere Leute auf den Fersen…usw.

IM SCHATTEN ist genau das, was ich vermutet hatte, ein Genrefilm mit Berliner-Schule-Ästhetik und damit ein interessantes Studienobjekt für den Genrefilm.

Anders als DER RÄUBER bezieht der Film die Spannung – ja, sie ist tatsächlich da – nicht aus einem Charakter, sondern aus der Thematik. Hier ist es die Figurenkonstellation, die den Suspense ausmacht. Aslan führt – für einen minimalistischen Film – sehr viele Figuren mit ganz unterschiedlichen Nuancen ein. Sie sind alle hervorragend gespielt, alle trocken (bis auf einen Trunkenbold) und trotzdem so verschieden. Jeder mißtraut jedem und jeder möchten einen Anteil. Wer ist also am Schluss derjenige, der das Geld davontragen wird. Der Profi, der Brutalo, die blonde Frau, der Seriöse….?

Die Berliner-Schule-Ästhetik hat durchaus aus dem Genre noch etwas herauskitzeln können: Dieses Geplante, diese extreme Spannung unter der die Akteure stehen, dieses Mißtrauen – diese knallharte Atmossphäre des Unbehagens. Sowas kann in gewöhnlichen Mainstreamfilmen gar nicht zum Tragen kommen, weil es durch Action für gewöhnlich plattgewalzt wird. Die Strenge der Form erzeugt also durchaus – in diesem Genre (!) ganz neue Qualitäten.

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