Ein Traum in Erdbeerfolie / Comrade Couture
Regie: Marco Wilms
Deutschland 2009
84 Min.

Wenn demnächst das Label Comrade Couture auf den Straßen Berlins zur Schau getragen wird, ist das kein neuer Ostalgie-Backflash. Comrade Couture steht für diejenigen, die der DDR in den Achtziger Jahren entwachsen sind – nicht unbedingt in politischer Absicht, sondern in individualistischer, hedonistischer Weise. Was wiederum politisch war. Marco Wilms hat einen witzigen, emotionalen und vor allem tiefgründigen Film über die alternative Mode-Szene in der DDR – und nicht nur die – geschaffen.
Regisseur Marco Wilms beginnt mit seiner Vergangenheit als Dressman in der DDR (heute nennt sich das Berufsbild Model). Schnell fand er neben seiner offiziellen Beschäftigung beim Fernsehen der DDR in die alternative Szene von Modemachern, Stylisten und Performancekünstlern – auch hier passen diese Berufsbezeichnungen nicht recht, war es doch eher Lebenstil, denn Arbeit, wenn alternative (und illegale!) Modeschauen vorbereitet und gefeiert wurden. Der Film wird strukturiert durch das Ansinnen Wilms’, eben eine solche Modenschau mit avantgardistischen Modellen aus Duschvorhängen und Erdbeer-Abdeckfolie zu wiederholen. Darin eingebettet sind Gespräche, Rückblicke, Reflektionen. Wir erfahren von ungezügelter Lebensfreude genauso wie von alltäglicher Repression und vor allem vom Wert der Freiheit. Freiheit, das zu tun, was man möchte, trotz Stasi und Volkspolizei.
In einer Szene wundern sich zwei Künstler, wovon sie damals eigentlich lebten, da sie die Tage doch hauptsächlich in Kneipen verbracht haben. Mag die DDR auch Selbstverwirklichung und Hedonismus äußerst kritisch gegenüber gestanden haben, so hat sie nicht nur soziale und kulturelle Nischen herausgefordert, sondern durch ihre Sozialpolitik auch ermöglicht.
Schließlich sehen wir am Vorabend des Mauerfalls die Inszenierung des Theaterstücks »Allerleirauh« in der Gethsemanekirche; spätestens hier erschließt sich die Bedeutung von solchen Nischen und den Menschen, die den Mut aufbringen, anders zu leben, selbst wenn es mit persönlichen Opfern verbunden ist. Es wird klar, dass in der heutigen Gesellschaft eine solche Subkultur, die nicht vom Markt eingeholt und verwertet wird, kaum denkbar ist und Kunst nie solche politische Bedeutung erlangt.
Und endlich, abseits aller historischen-philosophischen Abschweifungen: ein wunderbarer, unprätentiöser, selbstironischer Blick auf eine bessere Seite der DDR-Gesellschaft!
International, 10.02., 17.00
Colosseum 1, 11.02., 15:30


office
10 Feb, 2009
ihr habts wunderbar auf den punkt gebracht. danke. hoch lebe die solidarität!
kathi
10 Feb, 2009
Der Vollständigkeit halber – aber weil es den Film nicht direkt betrifft im Kommentarteil – muss ich doch noch einen etwas schalen Beigeschmack hinzufügen: bald wird es wie gesagt dieses Label Comrade Couture geben, genauso wie bereits Ostblock-Parties nach dem Vorbild des im Film gezeigten Events veranstaltet werden.
Aber das unterstreicht vielleicht nur das, was ich im vorletzten Absatz geschrieben habe.
office
10 Feb, 2009
vielleicht ist das klamottenlabel comrade couture doch nur eine finte? oder kann man das irgendwo kaufen?
office
10 Feb, 2009
ich glaube das ist eher ein label zum selberbasteln
kathi
10 Feb, 2009
Nein, das bezüglich Label und Party-Reihe hat der “smart businessman” (Moderator) Marco Wilms nach der Vorstellung gesagt. Und Kinostart ist im April.
office
15 Feb, 2009
ich hab mich erkundigt. comrade couture wird ein klamotten label zum selberbasteln… also ein bisschen so wie im osten, nur international.