Fantasy Filmfest 2010
Preisgewaltig: Ticketpreise
Der Ticketpreis ist mit 9 Euro im Vergleich zum Vorjahr um einen ganzen Euro teurer geworden. Klar ist ein Filmfestival extrem teuer, noch dazu ein Genrefestival. Aber hätte man nicht lieber noch zusätzliche Sponsoren werben können? Die Sponsorenanzahl scheint gleich geblieben zu sein. Statt 2k Games sind CinePostproduction und TV Spielfilm hinzugekommen. Ob die Sponsorengelder ingesamt gleichgeblieben sind, kann ich natürlich nicht sagen. Vielleicht haben die Kinos auch die Mieten erhöht. Einerseits gehörte es zwar zu den Ritualen der Veranstalter jedes Jahr darauf hinzuweisen, dass das Festival mit einem Eintrittspreis von 8 Euro eigentlich nicht finanzierbar sei. Anderseits: Welche Filme finanzieren sich schon über Eintrittsgelder? – Eine Handvoll Blockbuster vielleicht. Ich glaube, größere Festivals müssen sich hauptsächlich über Sponsoren finanzieren. 9 Euro sind jedenfalls absolut grenzwertig. Zumal das Zielpublikum nicht aus hyperbezahlten Managern besteht, sondern aus Horrornerds.
Medienpräsenz
Was dazu passt: Die Präsenz in den Berliner Medien ist nicht gerade toll: im tip und in der Zitty jeweils eine Seite. Die obligatorische, langweilige, oberflächliche Aufzählung einiger Filme. Auf Radio Eins lief nicht mal ein Beitrag bei Elstermanns Filmmagazin am Samstag. Während ich hier schreibe, wird ein Interview mit dem Veranstalter angekündigt, im Mittagsmagazin zwischen Einweckrezepten und Vormittagsdödelei. In Foren war von einem Film die Rede (A SERBIAN MOVIE), der wegen der Gefahr der Beschlagnahmung, insbesondere in Berlin, nicht ins Programm genommen wurde (Schnittberichte). Ich will ja nicht unken, aber vielleicht hätte dies dem FFF mal ganz gut getan. Jedes Festival braucht seine Skandale.
Was könnte sich trotzdem lohnen?
Es laufen wieder die üblichen Genrefilme, bei denen immer die Gefahr besteht, dass sie der hundertste, fade Aufguss von altbekannten Slashern, Torture Porns und Thrillern sind. Hier ist es wohl sinnvoll auf den DVD-Start zu warten. Eventuell bekommt man die Filme dann zwar nur geschnitten oder überhaupt nicht zu Gesicht, aber vielleicht sollte man es auch als ein Qualitätsmerkmal betrachten, wenn bestimmte Horrorfilme keinen Verleih finden. Grundsätzlich interessanter sind wohl eher die experimentelleren, ungewöhnlichen Filme wie z. B. ENTER THE VOID (nur in Berlin und Hamburg) von Caspar Noé, der allerdings nächste Woche auch regulär im Kino startet.
Bildgewaltig: ENTER THE VOID (Berlin & Hamburg)
In diesem 155-Minüter verfilmte Noé (IRRÉVERSIBLE) einen Todestrip aus der Perspektive des Protagonisten. In einem Interview sagte der Regisseur, dass es ihm thematisch um Tod und Wiedergeburt ging: »Obwohl ich mich nie zu einem religiösen Glauben hingezogen fühlte, entwickelte ich ein Interesse an Büchern über Wiedergeburt. Und ich fing an, mir verrückte Gedanken darüber zu machen, was mit mir passieren wird, wenn ich sterbe.« Noé trug die Idee jahrelang mit sich herum. Schließlich realisierte er sie, wobei er den Todes-Trip mit viel technischer Spielerei drehte: »In Büchern findet man Geschichten von Menschen, die im Moment ihres Todes, durch den Ausstoß von DMT im Gehirn, extreme Halluzinationen hatten. Dieses Molekül ist eine Substanz, die als Quelle unserer Träume gilt.« Visuell und ästhetisch soll ENTER THE VOID, Daft-Punk-Mastermind Thomas Bangalter schuf den Soundtrack dazu, einmalig sein. Fragt sich nur, ob der Film sich nicht allzu sehr darin erschöpft.
THE KILLER INSIDE ME ist sehenswert, lief allerdings schon auf der Berlinale. Der Regisseur Winterbottom bleibt darin der literarischen Vorlage aus den 50ern von Jim Thompson treu; deutscher Titel »Der Mörder in mir«. Casey Affleck spielt darin genauso einen verschlagenen Kerl wie in DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD – ein früher American Psycho, irgendwo zwischen kaltem Killerinstikt und determinierter Psychopathie.
Spannend klingt auch die französisch-belgische Coproduktion AMER, die, laut Programmheft, eine Giallo-Ästhetik entfalte. AMER begleitet die gleichnamige Protagonistin über »drei Phasen ihres Lebens«, Kindheit, Jugend und Erwachsensein. Ein »verstörender Albtraum der Erweckung«, so die Beschreibung. Ebenfalls ungewöhnlich liest sich die Zusammenfassung von SYMBOL: ein »Film zum Rätseln«, »der sämtliche Regeln des Filmemachens auf den Kopf« stellt. Allerdings hört sich die Mischung schon wieder komisch beliebig und typisch japanisch durchgeknallt an, die eher an die Show »Takeshis Castle« erinnert als an ein herausragendes Filmerlebnis.
Gewalttätig: Gummireifen Robert aus RUBBER
Ein Geheimtipp könnte das französische Roadmovie RUBBER sein, das schon in Cannes und bei anderen Fantasy-Filmfestivals gelaufen ist. Der Protagonist ist ein Autoreifen, der über den Highway rollt und Dinge explodieren lassen kann. RUBBER soll eine »Parabel«, ein Frontalangriff auf die »Ödnis des Massengeschmacks« sein.
Gesamtblick
Es laufen diesmal extrem viele britische Produktionen (12), ein Anime (»REDLINE«), eine europäische Animation (»METROPIA«) und ein paar Exoten: CLASH aus Vietnam, EVIL – IN THE TIME OF HEROES aus Griechenland, REYKJAVIK WHALE WATCHING MASSACRE aus Island und THE SILENT HOUSE aus Uruguay. Die üblichen Horrorfilme (CAGED, CORRIDOR, DETOUR, THE HUMAN CENTIPEDE, THE LAST EXORCISM, THE LOVED ONES, THE REEF, TWO EYES STARING) sind zahlenmäßig überschaubar. Ein paar bekannte Namen wie der schon erwähnte Gaspar Noé sind zwar mit Hideo Nakata (RING), vertreten mit CHATROOM, Gregg Araki (NOWHERE) mit KABOOM und Takeshi Kitano mit OUTRAGE dabei, aber irgendwie scheinen die großen Knaller wie im letzten Jahr MOON oder THIRST zu fehlen. Vielleicht ist ja wieder eine Überraschung dabei wie im letzten Jahr DISTRICT 9.
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