INCEPTION

Regie: Christopher Nolan
USA 2010
148 Minuten

WARNUNG: Dies ist eine Analyse der Filmstruktur und des Themas von INCEPTION. Spoiler!

Exposition: Extraction

INCEPTION mutet dem Zuschauer einiges zu: Er wird völlig orientierungslos in einen multiperspektivische Handlung, die zugleich auf mehreren Ebenen spielt, hineingeworfen und erfährt, dass es sich hierbei zunächst um den Traum eines gewissen Mr. Saito handelt und um die Arbeit eines Extractor-Teams. Es ist darauf spezialisiert, dem Träumenden ein Industrie-Geheimnis zu entlocken. Kaum glaubt der Rezipient sich einigermaßen zurechtzufinden, mischen sich andere Perspektiven und Ebenen hinzu: Eine mysteriöse Frau taucht auf, die nicht aus dem Traum von Mr. Saito zu stammen scheint. Eine Parallelmontage, in der das Extractor-Team und Mr. Saito schlafend und verkabelt in einem Zimmer liegen, suggeriert, dass es sich hierbei offenbar um die »reale« Film-Ebene handelt. Doch der Teppich auf den Mr. Saito – nun aus dem Traum erwachend – gestoßen wird, fühlt sich in seinen Augen nicht so an, als wäre es sein Teppich: »Ich habe einen Wollteppich. Doch der hier ist aus Polyester. Ich träume also immer noch«. Doch selbst das stimmt nicht ganz: »Das ist mein Traum«, meldet sich eine Stimme aus dem Hintergrund.

Diese Mission, aufgetragen durch Cobol Engineering, ist gescheitert. Die Extractor-Diebe erwachen in einem Zug und machen sich schnell aus dem Staub, bevor Saito erwacht. Doch dieser spürt sie auf. Es geht ihm aber nicht um Rache, sondern um einen besonderen Auftrag, eine Inception. Es soll nicht etwas extrahiert, sondern eingepflanzt werden. Ein »simpler Gedanke«! Doch die beiden Extractor kontern: »Das ist unmöglich!« und »Es ist zwar möglich. Aber kein Gedanke ist simpel, wenn er eingepflanzt werden soll.« Schließlich lässt sich der Kopf, Cobb (diCaprio), doch dazu überreden, diesen Auftrag durchzuführen. Im Gegenzug will Saito dafür sorgen, dass Cobb zu seiner Familie zurückkehren darf. Selbstverständlich neben der obligatorischen Bezahlung.

Die Regeln und das Inception-Team

Cobb und Arthur wissen zwar zunächst nichts über die Einzelheiten des Auftrags, gehen aber schon an die Planung und Zusammenstellung des Teams. Alle Gesetzmäßigkeiten, die in der Exposition noch verwirrend waren, werden nun erklärt und ähneln der Planung eines komplizierten Bankraubs.

1. Der Raum: Der Architekt und die Traumlabyrinthe

Beim Eindringen in einen Traum, also in das Unterbewusstsein, soll das Opfer manipuliert und geführt werden. Da jeder Gedanke und jedes Gefühl im Traum visualisiert ist, bedarf es eines Traumarchitekten, der die Orte entwirft.
Hinter jeder Extraction, hier speziell einer Inception, steht immer eine Strategie. Folglich sind die Räume, Hotellobby, Straße, Krankenhaus dieser inhaltlich unterzuordnen.
Jeder Traum besteht aus mehreren Orten, die wiederum zu einem anderen Level gehören. Umso tiefer der Traum, desto stärker darf die Architektur vom Gewohnten abweichen.
Da die größte Gefahr darin besteht, dass das Opfer die Fremdartigkeit, die Extraction/Inception, gleich zu Beginn spürt, muss sich der Ort zunächst »echt« und »real« anfühlen. Sonst beginnt es sich zu wehren. Ein Architektenfehler war es z. B. dass der oben erwähnte Teppich, der einem »realen« nachkonstruiert wurde, aus Polyester statt aus Wolle bestand. Ein weiterer Architektenfehler: das Paradoxon. Ein Traumraum kann nicht als unendlicher geschaffen werden – also so, wie sich die reale Welt anfühlt – sonst würde der Architekt ewig daran basteln. Also besteht die Gefahr, dass das Opfer auf ein Ende stoßen könnte. Deshalb muss ein Labyrinth entworfen werden, wie z. B. die Penrose-Stufen. (Bezieht sich auf den realen Mathematiker und Physiker Roger Penrose. Dieser schuf z. B. das Penrose-Dreieck.)

2. Die Protagonisten: Der Fälscher und die Figuren

Um Personen nachzubilden, die das Opfer kennt, gilt es, die »realen« zu studieren: die Gewohnheiten, die Körpersprache, die Marotten. Dies kann dann im Traum nachgestellt werden, ohne dass das Opfer Verdacht schöpft. Es gibt viele Traum-Statisten. Das sind »Projektionen« des Unterbewusstsein des Opfers. Der Fälscher hat damit zunächst nicht viel zu tun.

3. Die Zeit: Der Chemiker und das Traumsharing

Ursprünglich stammt das Traumsharing – wie kann es anders sein – vom Militär. Soldaten sollten lernen, sich selbst zu töten. Da Träume nur kurz andauern und eine Mission ihre Zeit braucht, müssen die Teilnehmer, in einen künstlichen Traumzustand versetzt werden – mit einem Sedativum. Der Chemiker muss also ein Beruhigungsmittel zusammenmixen, das möglichst viel Traumzeit ermöglicht. Cobb findet für sein Team einen, der es schafft, vier Stunden »reale« Zeit träumen zu lassen. Das entspricht im ersten Traumlevel einer Zeit von 40 Stunden. Das Sedativum entscheidet aber auch über die Tiefe des Traumes, also die entsprechenden Traumlevel. Eine Woche im ersten Traumlevel entspricht im zweiten Traumlevel einer Zeit von sechs Monaten. Im dritten Traumlevel entspricht dies zehn Jahren.

4. Die Bewegung: Sedativ und Kick

Die Traumlevel haben unterschiedliche Qualitäten.
Umso tiefer man ins Unterbewußtsein eindringt, desto stärker dehnt sich also die Zeit für alle Beteiligten.
Man gelangt systematisch von Traumlevel Eins zu Level Zwei immer tiefer.
Da alle vom Sedativum betäubt sind, ist es nicht so einfach zu erwachen, insbesondere dann nicht, wenn man tief träumt. Deshalb benötigt man einen »gut durchkoordinierten Kick« über alle Level hinweg.

Auf die Frage was ein »Kick« genau sei, antwortet ein Extractor: »Das ist das Fallen, dass sie manchmal kurz vor dem Aufwachen spüren.« Ein Kick muss auf jedem Level gesetzt werden, d. h. es muss immer einer zurückbleiben. In der »realen« Welt wird das Signal dazu gegeben: Alle hören das Lied »Non, je ne rigrette rion«, dann fallen sie und erwachen im nächsthöheren Level bis sie in der »realen« Welt angelangt sind. Umso tiefer sie sich befinden, desto stärker das Fallen: In der »Realität« stößt jemand einfach nur einen Stuhl um, auf dem der Schlafende sitzt. Im ersten Traumlevel stürzt schon ein Bus einen Abhang runter usw. Um aber tiefer in den Traum hineinzugelangen, muss man wieder ein Sedativ im Traum setzen.

Der neue Auftrag: Inception

Nachdem das Team vollständig ist, erfahren alle mehr über den Auftrag. Auf den ersten Blick erscheint er tatsächlich simpel: Der Inhaber eines großen Energie-Imperiums liegt im Sterben und sein Sohn, Robert Fischer, soll es erben. Saito möchte, dass er das Monopol auflöst, da er ansonsten den gesamten Markt kontrollieren würde. Das ist die Inception, die eingepflanzt werden soll.

Die Strategie

Da in INCEPTION nichts simpel gestrickt ist, ist auch diese Inception nicht so einfach wie sie klingt. Der Fälscher kennt das Umfeld und weiß, dass die Vater-Sohn-Beziehung sehr gespannt ist. Er weiß auch von einem Vertrauten, Peter Browning, der zwischen beiden steht. In einer ersten Ideenfindungsphase, die dem Marketing nachempfunden wurde, äußert der Fälscher, folgende Verknüpfung: Spannung zwischen Vater und Sohn verstärken –> Sohn wendet sich vom Erbe ab –> Neuanfang –> Auflösung des Imperiums. An dieser Stelle greift Cobb ein: »Gedanken entstehen aus Inspiration. Es sind nie negative Gefühle, die echte Inspiration bewirken, sondern positive.« Also muss das Positive zwischen Vater und Sohn gefunden, geweckt, erinnert werden, um damit einen Neuanfang, die Auflösung des Energiekonzern, zu bewirken. Das alles klingt nach einer aalglatten überaus gut durchdachten Strategie, aber…

Die Antagonisten

1. Cobbs Ehefrau

Schon in der Exposition taucht eine mysteriöse Frau auf. Nach und nach enthüllt sie sich als die wahre Achillesferse von Cobb, als eine Schuld-Projektion seines Unterbewusstseins, als ein wütender Schatten, der nicht nur ihm folgt, sondern allen, denen er in Träume folgt. Sie versucht, jede Mission zu vereiteln.

2. Mr. Zufall

Jede kleinste Schlampigkeit bei der Recherche rächt sich. In der Cobol-Engineering-Mission war es der Stoff eines Teppichs, der nicht stimmte. Das Opfer schöpfte sofort Mißtrauen. Als das Team in den Traum von Robert Fisher eindringt, wird es sofort bekämpft. Der Fälscher hatte übersehen, dass Fischer, Sohn eines Industriellen, sich gegen Extractors hatte schulen lassen. Sein Unterbewusstsein erkennt die Eindringlinge schneller als andere. Sein Traum ist sozusagen ein härteres Einstiegslevel.

3. Der Körper und seine Immunreaktion

Die Projektionen des Opfers sind dem eindringenden Team generell feindlich gesonnen und bekämpfen es, sobald sie Fremdartigkeit verspüren, vergleichbar mit der Immunreaktion des menschlichen Körpers auf Fremdstoffe.

4. Der Tod

Wird jemand im Traum so schwer verletzt, dass er sterben muss, erwacht er und stirbt auch in der Realität, mit einer Ausnahme. War das Sedativum sehr stark, um in tiefe Traumschichten zu gelangen, kann der Sterbende nicht erwachen. Er fällt in einen noch tieferen, leeren Raum, den Limbus. Laut theologischer Bedeutung bezeichnet der lateinische Begriff »limbus« den Vorraum zur Hölle. Verletzungen bleiben jedoch ohne Folgen.

Kommentar

Dieser einzigartige Sci-Fi-Kosmos und die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion machen INCEPTION zu einem – ja – Kinoerlebnis. Dabei handelt es sich um einen puren Actionfilm. Ich will jetzt nicht messen, aber ich bin mir sicher, dass mindestens ca. 40% der Szenen aus purer Action bestehen: Flucht, Verfolgung und Karwumm. Es ist auch egal – Fakt ist: INCEPTION ist ein Sci-Fi mit einem Action-Schwerpunkt. Nolan führt die üblichen Verdächtigen (Regisseure & Produzenten) vor, indem er zeigt, dass solche Filme nicht nur für ein hirnloses, vorrangig männliches Publikum produziert werden müssen. Nein, es geht auch anders!

Das dramaturgische Gerüst ist absolut klassisch. Bei bestimmten Politthrillern und anderen recht innovativen Mainstream-Storys wird immer das gleiche Gerüst verwendet: Mainplot und Familien-Subplot. Letzterer stürzt Cruise-DiCaprio-Clonney-und-Co immer in tiefe Konflikte mit dem Main-Plot. Das ist ein bisschen nervig: Dramaturgisch, gendertechnisch und auch sonst. Entweder man entwirft eine innovative Story oder man produziert Konventionen. Solche Hybride sind jedenfalls für den Cineasten als auch für den Popcorn-Esser, der nicht außergewöhnliches sehen will, ärgerlich.

Was allerdings den Mainplot anbelangt: Endlich denkt mal jemand daran, ein vernünftiges Drehbuch zu produzieren, das auch mal um ein paar Ecken und noch ein bisschen weiter denken kann. Das ist einfach stimmig. Hier hat sich jemand ein paar Gedanken über ein Sci-Fi-Szenario gemacht. Ich jedenfalls käme nicht auf die Idee anzunehmen, dass die Zeitverzögerung in den tieferen Traumschichten nur dazu dient, um mir Explosionen für sieben Euro Eintrittsgeld zu verkaufen. Oder 3-D-Schnulli (obwohl die Traumarchitekturen sich dafür gut eignen würden).

Hier wurde Kino für eine Idee produziert und da guter Mainstream so selten ist, dient dieser Artikel als dankbare Anerkennung!

Link:
Inception-Wiki

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